→ Deutsche Astronauten wie Sigmund Jähn und Alexander Gerst haben Russisch gelernt, um im All sicher arbeiten zu können. Das war aus technischen Gründen unvermeidlich: Der Hinflug zur → Internationalen Raumstation (ISS) erfolgt von jeher auch – und nach der Außerdienststellung des Space Shuttles von 2011 bis 2020 ausschließlich – mit der russischen Sojus-Rakete (seit 2020 auch mit der amerikanischen Falcon 9). Der Rückflug zur Erde wird traditionell mit der Sojus-Kapsel durchgeführt, die an die Sojus-Rakete angehängt ist.
Damit wird für alle Raumfahrer auf der ISS die Kommunikation mit dem Kontrollzentrum Moskau sowie das Lesen von Prozeduren in der Sojus-Kapsel unvermeidlich. Die Beherrschung der russischen Sprache gilt daher als unverzichtbar für Astronauten. Die Sprachausbildung wird von der Astronauten als eine der größten Herausforderungen ihrer Mission beschrieben. Tatsächlich ist das Erlernen der russischen Sprache wegen der anspruchsvollen Grammatik, der Häufung von Konsonanten und der kyrillischen Schrift nicht einfach. Es lohnt sich trotzdem: Russisch gehört zu den wenigen Weltsprachen und eröffnet den Zugang zu einem einzigartigen Kulturraum, wie ich aus eigener Erfahrung berichten kann (dazu unten). Für Astronauten der ISS steht die eigene Sicherheit in Zentrum, und das bedeutet im Weltall die Zusammenarbeit mit russischen Kosmonauten. Hierfür ist das interkulturelle Verständnis entscheidend. Das gilt im Weltall generell, also nicht nur auf der ISS, sondern auch dem Planeten Erde.
Eine Sprache gilt als Weltsprache oder internationale Verkehrssprache, wenn sie weit über ihr ursprüngliches Sprachgebiet hinaus Bedeutung erlangt hat und von Menschen unterschiedlicher Nationalitäten als Erst- oder Zweitsprache gesprochen und verstanden wird. Neben der hohen Anzahl an Sprechern sind mehrere Kriterien entscheidend:
- Globale Verbreitung: Die Sprache wird auf mehreren Kontinenten als Lingua franca für Diplomatie, Handel, Wissenschaft und Kultur genutzt.
- Institutionelle Verankerung: Sie dient als Amtssprache in mehreren Ländern oder ist Sprache internationaler Organisationen (z. B. UNO, EU).
- Historische Faktoren: Oft entsteht dieser Status durch frühe koloniale Expansion (wie beim Englischen oder Spanischen), durch langjährige politische und wirtschaftliche Hegemonie oder durch die Rolle als Siegermacht im Zweiten Weltkrieg.
Daher ist Englisch die international bedeutendste Weltsprache, gefolgt von Sprachen wie Spanisch, Französisch, Mandarin, Arabisch und Russisch. Die deutsche Sprache rechnet übrigens nicht zu den Weltsprachen, und es ist wohl auch nicht anzunehmen, dass das jemals der Fall sein wird.

Bildungszentrum des Russischen Hauses
Ich habe vor eineinhalb Jahren begonnen, die russische Sprache kontinuierlich zu lernen. Zuvor hatte ich nur gelegentlich versucht, die kyrillische Schrift zu entziffern. Mittlerweile ist aus meinem Russischunterricht so etwas wie ein Slawistik-Studium geworden, das neben der Geschichte, Kultur und Wirtschaft viele Aspekte umfasst. Ich erlebe das in unserem US-fixierten Kulturkreis als erfrischende Abwechslung und Bereicherung.
Obwohl ich mir vor gut zwanzig Jahren Basiskenntnisse der polnischen Sprache angeeignet habe und damals erstmals eine slawische Sprache näher kennen lernte, habe ich den Russischunterricht als völliger Anfänger gestartet. Das war wegen der ungewohnten kyrillischen Schrift eine zutreffende Einschätzung. Ich habe mit Präsenzkursen im → Russischen Haus in Berlin angefangen und bin dann aus Gründen der Zeitplanung zu Online-Kursen übergangen. Aktuell bin ich mit den Angeboten der Berliner Volkshochschulen sehr zufrieden. Der regelmäßige Besuch der Sprachkurse erleichtert den Zugang zur leider anspruchsvollen Grammatik und dient dem Hörverständnis und der Sprechpraxis. Dabei lasse ich es aber nicht bewenden: Sofern man nicht wie die oben erwähnten Astronauten unter dem Zwang steht, in kurzer befristeter Zeit Sprachkenntnisse vorzuweisen, ist es sinnvoller, von gelegentlichen zeitintensiven Lerneinheiten abzusehen und sich statt dessen täglich für kurze Zeiten mit der zu erlernenden Sprache zu befassen. Zu diesem Zweck habe ich mir eine Reihe von Werkzeugen zugelegt, mit denen ich hier zwei nennen und empfehlen möchte:
Am häufigsten nutze ich → OpenRussian; hier habe ich einen Pro Account abbonniert. Das Tool Ist nutzbar als Wörterbuch und zum Üben. Im Wörterbuch, das zahlreiche Auswahl- und Sortiermöglichkeiten bietet, wird zu jeder Vokabel eine Audio-Datei angeboten, die nicht KI-generiert ist, sondern von nativen Sprechern aufgenommen wurde. Zu sehr vielen Vokabeln finden sich Beispielsätze, die ebenfalls alle mit Audi-Dateien unterlegt sind. Ferner bietet das Tool fünf Varianten zum Üben an, nämlich für Vokabeln, für den Satzbau, die Rechtsschreibung, das Hörverständnis und die Aussprache.
Mein zweitliebstes Lernmittel ist der Podcast von → RusslandJournal, den ich einmalig als Bundle (Skript mit 479 Seiten und 100 Podcast-Folgen als Audio-Dateien) erworben habe. Hier schätze ich die guten Erläuterungen zur Grammatik und zur Landeskunde und das Training des Lese- und Hörverständnisses.
Auch mit solchen guten Lernmitteln bleibt das Lernen anspruchsvoll. Man sollte Durststrecken aushalten, Geduld mit sich selbst haben und hartnäckig dran bleiben. Wenn auch nur allmählich, stellen sich doch Lernerfolge ein. Und das Kennenlernen eines im Westen vernachlässigten → Kulturkreises ist eine Bereicherung. Daran werden die transatlantischen Idioten mit ihrer erbärmlichen Russophobie nichts ändern.
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