Ich bin zur Hälfte überrascht vom Ergebnis einer Recherche, die ich in den zurückliegenden Wochen durchgeführt habe. Es geht um Nazis in der eigenen Familie, also der Familie Gorzel.
Der Befund der Recherche lautet, dass meine Großtante Amalie Gorzel, die ich noch kennengelernt habe, und mein Großvater väterlicherseits, Georg Gorzel, der den Zweiten Weltkrieg nicht überlebt hat, aktive Nazis waren. Beide haben im Sommer 1937 die Aufnahme in die NSDAP beantragt und wurden rückwirkend zum 1. Mai 1937 aufgenommen. Beide waren Verfahrensgegner in einem 1954 durchgeführten Verfahren zur Wiedergutmachung von nationalsozialistischem Unrecht.
1945 war jeder fünfte erwachsene Deutsche eines von 8,5 Millionen NSDAP-Mitgliedern – in nahezu jeder Familie dürften Nazis gewesen sein. Insofern ist die neue Gewissheit also nicht völlig überraschend, zumal ich betreffend Amalie Gorzel bereits in einem früheren Beitrag folgendes konstatiert habe:
Karls Schwester, unsere Großtante Amalie (Jahrg. 1898), war Lehrerin. Mein Bild von ihr ist geprägt von braunen Agitationsversuchen – in den 1970er Jahren betonte sie meine guten Erbanlagen (was für sich betrachtet als unverfänglich gelten könnte), diente mir mehrfach Ausgaben der faschistischen → National-Zeitung an, ferner eine Broschüre „Verbrechen an Deutschen“, und leistete sich die als Selbstentnazifizierung anmutende Behauptung, „bei den Nazis auf der schwarzen Liste“ gestanden zu haben, weil sie sich in der Lehrerkonferenz das Rauchen verbeten habe.
Amalie Gorzel stand tatsächlich bei den Nazis auf der Liste, nämlich der Mitgliederliste mit Nummer 4941840. Georg Gorzel hatte Mitgliedsnummer 4576738. Diese Angaben ergeben sich aus der Mitgliedskartei der NSDAP.
Die Mitgliedskarteien der NSDAP sind von der NSDAP angesicht der vorrückenden Front zum Ende des Krieges an eine Münchener Druckerei übergeben worden, um sie dort zu vernichten. Das unterblieb, was wohl dem Geschick des Betriebsinhabers zu verdanken war. Die Karteibestände wurden dann von der US-Armee übernommen und zur Verwaltung an das neu errichtete Berlin Document Center übergeben. Dort verblieben die Karteien bis Anfang der 1990er Jahre, um dann in die USA überführt zu werden. Dort wurden die Karteikarten auf Mikrofilm archiviert, um dann später wieder nach Deutschland übergeben zu werden. Heute befinden sich die NSDAP-Mitgliederkarteien beim Bundesarchiv, sind dort aber nicht für die Öffentlichkeit frei zugänglich. In den USA hingegen wurden die Karteien im Frühjahr 2026 für die Öffentlichkeit als PDF-Dateien frei zur Verfügung gestellt; sie sind auf der Webseite des →National Archives Catalog → recherchierbar. Wer dort selbst suchen will, findet weiterführende Hinweise → hier und → hier und → hier.
Amalie und Georg hatten ihre Mitgliedschaft im Juni bzw. Juli 1937 beantragt, wurden aber rückwirkend zum 1. Mai 1937 in die NSDAP aufgenommen. Diese rückwirkende Aufnahme ist aufschlussreich, denn sie basierte auf der Anordnung 18/37 vom 20. April 1937 und hat nach einer vorhergehenden → Aufnahmesperre all denjenigen den Beitritt in die NSDAP ermöglicht, die seit der Machtübernahme in den Gliederungen und angeschlossenen Verbänden der Partei als Nationalsozialisten tätig gewesen waren.
Die aktive Parteimitgliedschaft war für Amalie und Georg von Vorteil, denn sie profitierten von der Arisierung jüdischen Eigentums. Grundlegendes zur Arisierung in der NS-Zeit und ihre Einordnung in die NS-Ideologie und die daraus abgeleiteten Pläne wird dargestellt von Götz Aly in seinem umfassenden Buch → Hitlers Volksstaat – Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus, 2005. Im Archivportal D, einem Subportal des Themenportals Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts findet sich ein → Datensatz mit folgendem Inhalt:
Verfahren Lydia (Lidia) Sorell, geb. Schrager, geschiedene Schwarz (*25.05.1909), 3 Belzise Park Gardens, London NW 3, England, gegen Gerog (Georg) Gorzel, Bamberger Str. 33, Berlin, Frau Dann, geb. Gorzel, Mettlackerstr. 11, Leverkusen-Schleebusch, Amalie Gorzel, Rybnik, Oberschlesien
Der zuletzt am 12.02.2026 aktualisierte Datensatz nennt zwei verfahrensgegenständliche Grundstücke (Grundstücke Methfesselstr. 10, Parkstr. 12), das Jahr des Verfahrens (1954) und als verfahrensführende Behörde die Wiedergutmachungsämter von Berlin, Geschäftsstelle 6. Als Personen, gegen die sich das Wiedergutmachungsverfahren richtet, werden Amalie und Georg Gorzel benannt.
Amalie, die Lehrerin war, hat ihren Beruf in der BRD bis zur Pensionierung ausgeübt und danach bis zu ihrem Tod eine auskömmliche Pension aus der Staatskasse bezogen. Ihrer braunen Weltanschauung ist sie treu geblieben. Viele Opfer dieser Politik, etwa die Opfer der brutalen Belagerung Leningrads, haben bis heute keine Entschädigung aus Deutschland erhalten.
Manche werden denken, dass man die Vergangenheit ruhen lassen könnte. Sie ruht aber nicht, denn wir leben in Zeiten, in denen das neonazistische Regime in der Ukraine unverblümt ukrainische Kollaborateure der deutschen Hitler-Nazis verehrt, was hierzulande geflissentlich übersehen wird, weil die Ukraine nützlich ist im Krieg gegen Russland, für den auch führende Köpfe dieses Landes wieder → russische Soldaten töten wollen. Deshalb gilt es den Blick zu schärfen für den Mist im eigenen Stall.