Aus dem spärlichen Bücherfundus meines Vaters war mir vor 50 Jahren ein schon damals recht gebraucht wirkendes Taschenbuch in die Hände gefallen, das mein frühes Bild vom Journalismus geprägt hat:
Peter Zenger. Der Kampf eines Druckers um die Pressefreiheit im 18. Jahrhundert. Biographiert. Deutsch von Lieselotte Albrecht. Taschenbuch – 1. Januar 1958, von Tom Galt (Autor). Diese deutsche Ausgabe basierte auf dem amerikanischen Original Peter Zenger, Fighter for Freedom von Tom Galt und hat mein jugendliches Bild von Journalisten als Vorkämpfer bzw. Stützen von Pressefreiheit und Demokratie und mein Vertrauen in ihre Berichte begründet.
→ John (Johann) Peter Zenger, 1697 in der Pfalz geboren, emigrierte 1710 mit seinen Eltern nach New York, wurde zum Drucker ausgebildet und produzierte ab 1733 das New York Weekly Journal. Nachdem die Zeitung die Politik des Gouverneurs von New York scharf kritisiert hatte, wurde Zenger 1734 wegen Verleumdung des Gouverneurs angeklagt. Der folgende Geschworenenprozess endete mit einem Freispruch für Zenger, obwohl das Gerichtsverfahren durch den Gouverneur beeinflusst wurde; die Richter wurden nach den Wünschen des Gouverneurs ernannt und Zengers Verteidigern wurde die Lizenz entzogen. Der Prozess hatte wesentlichen Einfluss auf die Pressefreiheit in den gut 40 Jahre später (1776) gegründeten Vereinigten Staaten von Amerika und ihre 11 Jahre später (1787) errichtete Verfassung. Hier zwei Kostproben zum Gehorsamsanspruch der Obrigkeit:
Mr. Bradley machte geltend, dass Gouverneure und andere Regierungsbeamte geachtet werden müssten, da das Volk ihnen sonst nicht gehorchen würde. Aus diesem Grunde müsse jede gedruckte Äußerung, die einen Angriff gegen den Gouverneur enthalte, als Schmähschrift angesehen und der Drucker bestraft werden.
In seinem Schlußwort richtete Staatsanwalt Bradley sich ausschließlich an die Geschworenen. Prahlerisch verkündete er: „Es ist die Ansicht seiner Exzellenz, des Herrn Gouverneurs, und des Majestätsrates, daß es Mr. Zenger künftig nicht mehr gestattet sein sollte, die friedliche Arbeit der Regierung zu stören durch die Veröffentlichung von Hetzartikeln, die Angriffe gegen seine Exzellenz, unseren Gouverneur, und gegen die führenden Persönlichkeiten der Regierung darstellen. Daher hat seine Exzellenz höchstpersönlich die gerichtliche Verfolgung befohlen, und zwar mit Wissen der Ratsversammlung.“
Die Geschworenen haben sich damals nicht einschüchtern lassen und am 5. August 1735 auf Nicht schuldig erkannt. Die Zitate erinnern an die aktuelle Konstruktion einer angeblichen „Delegitimierung des Staates“.
Heute, 290 Jahre nach Zengers Prozess und kurz vor der 250. Wiederkehr des Gründungstages der USA (Independence Day), ist vom alten Rollenbild des Journalismus als Staat und Behörden kritisch hinterfragende Vierte Gewalt wenig übrig. Große Teile der Journaille verstehen sich nicht mehr als kritische Beobachter der Exekutive und als Berichterstatter, sondern agieren unverhohlen als staatsnahes Sprachrohr. Nicht wenige Journalisten lassen sich sogar von Regierungen kaufen bezahlen: Jüngst hat der NDR mit dem OCCRP ein führendes Netzwerk für investigativen Journalismus als staatliches Propagandainstrument zunächst enttarnt und sodann Selbstzensur geübt – das → Rechercheergebnis des NDR ist nicht etwa durch den öffentlich-rechtlichen Sender, sondern über die → Berliner Zeitung verfügbar. Das alte Vertrauen in Journalismus ist der Gewissheit gewichen, dass eigene Recherche unerlässlich ist.
Wenn er von der selbstverstümmelten Rolle der heutigen Journaille Kenntnis nehmen müsste, würde sich Peter Zenger im Grabe umdrehen.
▮