Eine Buchempfehlung:
Giuseppe Tomasi di Lampedusa, Der Leopard
Piper, ISBN 978-3-492-05984-8
Wer kennt ihn nicht, den Film Der Leopard, dieses cineastische, dreistündige Epos von Luchino Visconti mit Burt Lancaster, Alain Delon und Claudia Cardinale? Der mit großem Aufwand realisierte Stoff gilt als → Meisterwerk der Filmgeschichte, erschienen 1963. Dort wird der Niedergang des jahrhundertelang ungebrochenen Machtanspruchs des Adels im nationalrevolutionären Italien der 1860er Jahre mit Bildern voller schwindender Pracht geschildert am Beispiel des Fürsten von Lampedusa, seiner Familie und seiner Zeitgenossen. Der Fürst, Il Gattopardo, erkennt die sich damals ereignende Zeitenwende (wie man wohl heute sagen würde) und versucht mit geschicktem Agieren auf dem gesellschaftlichen Parkett, Teile des alten Einflusses seiner traditionsreichen adligen Familie ins neue bürgerliche Italien hinüber zu retten. Diese Versuche machen den Stoff der Handlung aus, deren gesellschaftlichen Höhepunkt ein Ball bildet, dessen Gäste und Gespräche den politischen Umbruch widerspiegeln. Aus dem Film haften die illustren Szenen dieses Balls wohl am meisten im Gedächtnis.
Aber noch besser als der beeindruckende Film ist das „Buch zum Film“, das dem bewegten Bild zugrunde lag. Der Regisseur Luchino Visconti las den von Giuseppe Tomasi di Lampedusa in wenigen Monaten verfassten Roman Il Gattopardo kurz nach dessen Erscheinen im Jahr 1958. Tomasi di Lampedusa, ein Jahr vor Erscheinen des Romans verstorben, hatte viele Figuren des Romans der eigenen Familiengeschichte entnommen; sein Urgroßvater Giulio Fabrizio Tomasi (1813 – 1885) diente als Vorbild für die Hauptfigur des Fürsten. Der Roman, 2019 neu übersetzt ins Deutsche von → Burkhart Kroeber, wirkt in seiner facettenreichen und feinsinnigen Darstellung der geschilderten Personen und Ereignisse noch imposanter und zugänglicher als der Film. Im Anschluss an den Roman finden sich Anmerkungen des Übersetzers Burkhart Kroeber mit drei Teilen: I. Zum Roman, II. Zur Übersetzung, III. Zu einzelnen Stellen. In der aufschlussreichen Anmerkung II. Zur Übersetzung legt Burkhart Kroeber Aspekte der Arbeit als Übersetzer dar, der vor der Herausforderung steht, die – so der Übersetzer – originelle Erzählweise des Autors, „seine anspielungsreiche Wortwahl und seine geschliffene, von subtiler Ironie durchzogene Syntax, die oft mit stereotypen Sprachmustern spielt, vom Salongerede des alten Adels über den Bürokratenjargon bis zum nationalistisch-progressistischen Politsprech der neuen Aufsteigerklasse“, herüber zu bringen.
Seinen Anspruch, all dies beim Übersetzen widerzuspiegeln, hat Burkhart Kroeber eingelöst. Das Erschaffen eines Romans ist zweifellos Kunst, das Übersetzen des Originals in eine andere Sprache aber auch, weil Sprachen unterschiedlich funktionieren. Es ist die Substanz der Werke, die nacherschaffen werden soll. Das – so der Übersetzer russischer Werke→ Alexander Nitzberg – ist unter Werktreue zu verstehen. Hier zwei kleine Kostproben:
Sie boten den bewegensten Anblick von allen: den zweier noch junger Verliebter, die miteinander tanzen, blind für die Mängel des jeweils anderen, taub für die Mahnungen des Schicksals, gläubig darauf vertrauend, dass ihr ganzer Lebensweg so glatt sein würde wie das Parkett in diesem Saal, ahnungslose Akteure, denen ein Regisseur die Rollen von Julia und Romeo zugewiesen hat, ohne ihnen das Ende mit dem Gift in der Krypta zu verraten, das doch schon im Textbuch steht.
Aber war es tatsächlich die Wahrheit? Nirgends ist Wahrheit so kurzlebig wie in Sizilien: Vor fünf Minuten ist etwas geschehen, und schon ist sein wahrer Kern verschwunden – vermummt, geschönt, entstellt, unterdrückt, zunichtegemacht von der Phantasie und von Interessen: Scham, Angst, Großmut, Missgunst, Opportunismus, Nächstenliebe, sämtliche Leidenschaften, gute wie schlechte, stürzen sich auf das Geschehnis und reißen es in Stücke, im Handumdrehen ist es verschwunden. Und die unglückliche Concetta wollte die Wahrheit von Gefühlen herausfinden, die vor einem halben Jahrhundert nicht klar ausgedrückt, sondern nur kurz erahnt worden waren! Die Wahrheit gab es nicht mehr. An die Stelle ihrer Fragwürdigkeit war die Unbestreitbarkeit des Leidens getreten.
Zum Ende des großen Balles löste sich die Versammlung auf, …
… Donna Margherita wurde umdrängt von Gästen, die sich verabschieden wollten. „Es war wunderschön! Ein Traum! Wie in alten Zeiten!“
Das Buch ist in seiner Schriftsprache noch bildgewaltiger als der Film, es zeigt uns viel mehr. Ein Jahrhundertroman, den man lesen sollte. Viel Freude dabei!
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